Kappadokien – Traum oder Realität?

Sonnenaufgang Kappadokien

Mutter Natur fasziniert mich immer wieder und immer wieder anders. Ich war ja schon so fasziniert von Fethiye und dessen Umgebung, aber was Kappadokien zu bieten hat, übertrifft dies sogar noch. Donnerstag, 21 Uhr in Alsancak (Izmir), unsere Tour nach Kappadokien beginnt: ein Kleinbus unseres Reisbüros hält am vereinbarten Treffpunkt, um uns sechs- Lotte, Steffi, Jiri, Ondra, Katka und mich- abzuholen. Unser Gepäck verstaut, steigen wir in den Bus- zu 10 Frauen zwischen 30 und 68 Jahren!!! „Allah Allah – Oh my God – Oh mein Gott“- das war mein erster Gedanke, in allen drei Sprachen gleichzeitig, das kann ja was werden.

Karte Kappadokien

In dieser Sekunde bereute ich es den Trip gebucht zu haben!

„We have to survive, so, come on!!!”

Ich sah die türkischen Frauen im Bus sitzen, sich unterhalten und lachen und dachte nur, dass dieser Trip hoffentlich schnell vorbei geht.

Den ersten Schock verdaut- folgte der zweite sofort – der Bus. Wir gingen stark davon aus, dass dieser Kleinbus (Platz für 16 Personen, die wir auch waren) uns nur zu einem größeren Busbahnhof bringt, wo wir dann in einen „normalen“ Reisebus umsteigen, schließlich hatten wir über zehn Stunden Fahrt vor uns!!! Als dann die erste Frau ihr Kissen aus ihrer Tasche holte und wir das Ortsausgangsschild von Izmir sahen, wussten wir, dass das wohl ein Traum bleibt…

So wälzten sich sechs Erasmusstudenten erst einmal ein bisschen im Selbstmitleid, bis, ja bis der Herr Busfahrer von einer Sekunde auf die andere die türkische Musik bis zum Anschlag aufdrehte. Nur Zehntelsekunden später fingen alle Frauen gleichzeitig an zur Musik zu klatschen, mit den Fingern zu schnipsen oder mitzusingen- zwei der zehn sprangen auf und tanzten im Bus. Wir schauten dem Spektakel fassungs- und wortlos zu, schauten uns mit angsterfüllten Augen an und schüttelten im Takt die Köpfe. Meine Gedanken sprangen von einem zum anderen: Suizid, durch Sprung aus dem Fenster, beim ersten Stopp weglaufen, Krankheit vortäuschen? Trotz dieser Gedanken sagte ich mir, dass wir das Beste draus machen müssen, was blieb uns anderes übrig? So nahm ich meine Hände, klatschte und grölte mit. Ihr hättet die Gesichter von Lotte, Steffi, Jiri, Ondra, Katka sehen sollen- göttlich! Alle gemeinsam schauten sie mich an als wenn ich durchdrehen würde.

Partybus

Mein Kommentar: „We have to survive, so, come on!!!” Nach ein paar Sekunden des Nachdenkens sahen sie wohl ein, dass ich damit nicht so Unrecht hatte und machten alle mit. So verging die erste Stunde schnell mit Tanzen, Singen, sich durch Körpersprache bekannt machen, da natürlich keine der Ladies English sprach. Da war wirklich eine Mutti verrückter als die andere – herrlich – so im Nachhinein.

Während wir also tanzten und sangen fingen unsere türkischen Mitreisenden auf einmal an zu kreischen, wie eine Horde sechsjähriger Schulkinder und das einzige Wort, was ich verstand, war Eis. Und tatsächlich- vor uns fuhr ein LKW von Langnese- hier Algida– und die Frauen wollten ein Eis! Der Busfahrer fing an zu hupen, Lichthupe zu machen, doch der Eismann reagierte nicht. Nach erfolglosen Versuchen fuhr der Bus neben dem LKW her und unser Tourguide fragte den LKW- Fahrer, bei geschätztem Tempo von 75 km/h, durch die offenen Fenster, ob wir nicht ein paar Eis haben können! Nach zwei Kilometern fuhr der Eis-LKW doch wirklich rechts ran!?!?!? Unser Guide stieg aus, ging mit dem LKW-Fahrer zur Ladung und kam mit einem Paket Cornetto zurück. WAHNSINN!!! Die Frauen schrien, als wenn sie Richard Gere vor sich hätten, dabei bekamen sie nur ein Eis!

So tanzten und sangen wir bis in die frühen Morgenstunden. Gegen drei Uhr wurde es langsam ruhiger und manche Frauen schliefen dann auch endlich- bis zum wunderschönen Sonnenaufgang:

Sonnenaufgang

 

Nach zehn Stunden Fahrt: Aksaray/ Kappadokien.

Nach ca. zehn Stunden Fahrt waren wir 7.30 Uhr im ersten größeren Ort, der zu Kappadokien gehört – Aksaray.
Dort frühstückten wir, putzten Zähne, machten bisschen Katzenwäsche und stärkten uns für den Tag. Nach einer Stunde Pause ging die Tour dann richtig los. Vorbei am Hasan Dağı (3268m), einer der drei großen Vulkane, der die Landschaft und das Bild Kappadokiens entscheidend mitprägte, ging es zum Ihlara Valley.

Ihlara Valley

Ein Tal mit einem eiskalten Fluss, umgeben von hohem Gestein mit Unmengen von Höhlen und Kirchen, die sich in den Steinen befinden. Wir besichtigten zwei der „Höhlenkirchen“ und ließen uns die Freskos von unserem Guide erklären. Wie man auf dem Bild sieht, sind die Freskos eigentlich gut erhalten, nur die Gesichter sind von Nicht- Christen zerstört wurden.

Ihlara Valley

Gegen 11.00 endete unser Rundgang und nach einem kleinen Zwischenhalt am Narlı Lake

Narlı Lake

ging es weiter nach Derinkuyu,Derinkuyu in dem sich eine der vielen unterirdischen Städte Kappadokiens befindet. Die Städte, wie auch Derinkuyu, wurden 1900-1200 vor Christus erbaut. Die unterirdische Stadt hat 1500 m2 , ist bis zu 60m tief und hat acht Etagen- Wahnsinn!!! Es war wirklich interessant dort durchzulaufen, zu sehen, wie die Menschen dort gelebt haben, mit Schulen, Kirchen, Ställen, alles Drum und Dran, halt nur unter der Erde. Nach dieser Besichtigung gab es dann noch ein Tee und natürlich nicht zu vergessen: ein Tänzchen für unsere „nun-schon-Freunde“. Es war unglaublich- wir, die zwischen 21 und 25 Jahre sind, waren müde, geschafft und ein bisschen neben der Spur von der anstrengenden Nacht und unsere Muttis tanzten, lachten und amüsierten sich, als wenn sie die letzten drei Tage durchgeschlafen hätten!

Nach dem Mittagessen in Ürgüp, wo sich auch unser Hotel befand, besuchten wir Mustafapaşa, eine kleine, ehemals griechische Siedlung, umgeben von vielen Höhlen, in der es sonst aber nichts Interessantes gab und eine Weinkellerei.

Ich konnte es nicht verstehen, doch ich wollte mir die Blöße nicht geben und vor der 68 Jährigen ins Bett gehen- was is´n los?

Völlig fertig waren wir gegen halb fünf im Hotel. Wir beschlossen bis zum Abendbrot noch ein bisschen Ürgüp zu erkunden und dann schlafen zu gehen. Der halbe Plan klappte: wir sahen uns ein bisschen Ürgüp an, tranken ein Kaffee, gingen dann zum Hotel, duschten und aßen 19:30 Uhr alle Abendbrot.

Der letzte Punkt des Plans wurde leider nach hinten verschoben, denn unsere hyperaktiven Muttis wollten nach diesem wirklich anstrengendem Tag tatsächlich noch Party machen!!! Ich konnte es nicht verstehen, doch ich wollte mir die Blöße nicht geben und vor der 68 Jährigen ins Bett gehen- was is´n los??? Jiri und Steffi verschwanden nach dem Dinner ins Bett, Lotte, Katka, Ondra und ich hingegen leisteten den anderen (wirklich alle waren dabei- nur Steffi und Jiri gingen ins Bett) in unserem Partybus Gesellschaft. Das alles passierte sehr schnell und spontan, was auch erklärt, warum wir nicht gerade Party- tauglich angezogen sind. Wir fuhren ein paar Kilometer und hielten anTanzstunde dem Platz der Three Beauties“ (drei Gesteine, die aussehen, wie eine Familie), von dem man außerdem einen herrlichen Panorama-View hatte. Der Busfahrer drehte die Musik auf volle Lautstärke und wir bekamen private Tanzstunden in „Türkisch Tanzen“- sau lustig, sag ich euch! Natürlich fuhren die meisten Muttis voll auf unserem großen Tschechen ab und wollten mit ihm tanzen, der Wahnsinn!!! Nach ein paar Stunden üben und neuen Moves im Repertoire  machten wir uns dann endlich auf den Weg ins Hotel.

Nach ein paar Stunden Schlaf klingelte halb acht das Hoteltelefon zum Wecken. Die Äugelein endlich aufbekommen und den trägen Körper vier Stockwerke runter zur Kaffeemaschine bewegt, hörte ich die Muttis schon wieder lachen und klatschen – eindeutig Drogen!

Hey, ich bin 23, das geht doch nicht an! Mit dem Partybus fuhren wir dann nach Göreme ins Open-Air-Museum, was zum UNESCO-Weltkultur- und Naturerbe gehört. Es ist ein Gebiet mit einzigartigen Felsformationen und unzähligen Höhlen und Höhlenkirchen. Ich kann´s wieder einmal gar nicht in Worte fassen und nur hoffen, dass ihr euch alles durch die Bilder gut vorstellen könnt.

 

Göreme

Nach einem Zwischenhalt bei einer kleinen Produktionsstätte für alles Mögliche, was man aus Gestein und Stein machen kann, ging es dann zum Mittagessen. Es war erstaunlich zu sehen, wie man die Grenzen Kappadokiens sehen kann – auf der einen Seite sieht man Fels- und Gesteinkomplexe in den unmöglichsten Formen und 200 Meter weiter hat man wieder einen Ausblick auf Wiesen und Felder, wie man ihn auf der ganzen Welt haben könnte:

Kontrast nur wenige Meter entfernt

Gestärkt und immer noch ein bisschen müde besuchten wir erst eine Töpferei mit kleiner Vorführung und dann Paşabağ, ein kleines Fleckchen von Kappadokien, in dem die Felsformationen, durch das Zusammenspiel von Wind und Wasser, wirklich unglaublich aussehen:

 

Paşabağ

 

Nächster Punkt auf der straffen Tagesordnung war Zelve, einem Ort, fast nur bestehend aus Höhlen, Kirchen und einer Moschee, in dem bis vor 50 Jahren sogar noch Menschen lebten!

Gruppenfoto in Zelve

Zelve

Weiter ging es nach Avanos, wo wir nichts weiter anschauten, außer einer Brücke, die über den längsten Fluss der Türkei, den Kızılırmak, führt. Hier war nichts Besonderes, der Fluss war dreckig und die Brücke in einem für Europäer katastrophalen Zustand. Auf dem Weg zum Hotel machten wir eine kleine Kaffeepause im Güvercinlik Valley, einem Gebiet, in dem, nach Angaben unseres Reiseführers, auch heute noch Menschen in den Höhlen leben, was ich nicht ganz glauben kann, die türkischen Fahnen Güvercinlik Valleyund die Satellitenschüssel aber dafür sprechen.Güvercinlik Valley Wir besuchten so eine „Höhlenwohnung“, die, wenn dort wirklich noch Menschen wohnen, gut ausgestattet war- mit Toilette (natürlich türkisch, aber immerhin), Wasseranschluss und was man noch so braucht. Angekommen im Hotel war nur Zeit für eine Dusche und das Abendbrot, denn wir hatten alle noch eine „Türkische Nacht“ vor uns.

Eigentlich wollten wir diese nicht mitmachen, denn es sollte neben anderen Aufführungen auch eine kleine Derwisch-Show geben, die ich mir nach der in Istanbul ja nie wieder antun wollte. Doch wir dachten uns, mit unseren Muttis, die sich alle auf diesen Abend freuten, könnte es richtig lustig werden. Und genau so war es dann auch. Glücklicherweise dauerte die Derwisch- Tanzeinlage nur ein paar Minuten und dann kam eine Tanzgruppe, die die verschiedenen Volkstänze der einzelnen Regionen in der Türkei aufführte – wirklich interessant!

Türkische Nacht

Manche Einlagen fanden sogar mit Messern und Feuern statt, sodass es wirklich nicht langweilig wurde. Außerdem beinhaltete das Ticket für 25 Lira so viel Bier, Wein und Rakı, wie man trinken konnte. Zwischen den einzelnen Tanzeinlagen wurde immer türkische Musik gespielt, bei der unsere Muttis immer auf die Tanzfläche sprangen- wir blieben natürlich nicht verschont!!! Ganz im Gegenteil- wir wurden immer als erstes auf die Tanzfläche gezerrt. Aber wir hatten ja einen Abend zuvor unsere Tanzstunde und wussten, was wir zu machen hatten. Wir tanzten drinnen und draußen ums Feuer, wirklich toll war´s!

Türkische Nacht

Zum Ende der Show kam dann natürlich eine Bauchtänzerin, die wirklich gut war! Sie holte JJ auf die Tanzfläche, der dann eine heiße Sohle auf´s Parkett legte. Gut dass er schon ein paar Rakı im Blut hatte, sonst hätten sich seine Hüften bestimmt nicht so bewegt. Nachdem die meisten Besucher gegangen waren, sah man nur noch unsere Reisegruppe tanzen und dann kam unser Lied: Fatih Ürek mit Hosgeldin, hadi, hadi. Das einzige, was ich singen konnte war der Anfang; „Hoş Geldin…“, dann der Mittelteil: „ Haydi, Haydi, Haydi, Haydi, Haydi…“ und zum Schluss: „lililililililililililililililililili…“. Guter Laune, aber hundemüde fiel ich gegen um eins ins Bettchen.

Am nächsten Morgen klingelte das Hoteltelefon leider schon um sieben, anstatt halb acht – keine Ahnung warum, da muss wohl einer ein Fehler gemacht haben. Naja, dafür hatten Katka und ich dann einen ruhigen Morgen mit viel Kaffee. Halb neun traten wir dann die Heimreise an- fast, denn es stand noch ein Zwischenstopp in Konya an, einem Pilgerort der muslimischen Welt.

Auf dem Rückweg

Wir fuhren ungefähr 200 Kilometer nach Konya und sahen- NICHTS! Nur Felder, Berge, kleine Siedlungen, ab und an mal eine kleine Tankstelle, nichts mehr, kein größeres Städtchen- Wahnsinn. In Konya angekommen, besuchten wir nach dem Mittag das Mevlâna Museum. Mevlâna gründete die Derwisch- Gemeinschaft– hmm, naja, ich kann sagen, dass ich da gewesen bin. Nach keinen weiteren, unnormalen, erwähnenswerten Ereignissen waren wir gegen Mitternacht wieder in Buca.

Zusammengefasst war es wirklich ein toller Trip, den wir zu großen Teilen unseren Muttis verdanken! Die Landschaft, aber auch die Geschichte Kappadokiens ist wirklich beeindruckend und faszinierend, dass ich wirklich jedem Interessiertem rate dort hinzufahren, um dies mit eigenen Augen anzusehen.

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