Hasse ich meinen Job?

Hamburg S-Bahn

Ich habe lange über die Frage: Hasse ich meinen Job? nachgedacht und vor Kurzem die Antwort gefunden.

Ich werde mir den Link zu diesem Beitrag in meinem Handy, Arbeits-PC, auf allen externen und erdenklichen Speichermedien, in meinem Tablet als Favoriten speichern, um bei Bedarf noch einmal nachzulesen, was die Antwort ist. Vielleicht sollte ich mir den Link auch auf den rechten Unterarm tätowieren lassen?! Aber von vorne: Fünf Tage die Woche quäle ich mich aus dem Bett, um dann unmotiviert und lustlos in die volle U-Bahn zu steigen. Wenn ich Glück habe regnet oder stürmt es mal nicht in Hamburg und ich komme in den Genuss des Fahrradfahrens. In der Innenstadt angekommen, genieße ich noch die letzten Meter, bevor das hässliche Piepen des Arbeitszeitzählers einen weiteren Tag voller Arbeit, vieler Fragen, nervigen Gesprächen, einem schlecht gelaunten Vorgesetzten und von Zeit zu Zeit komischen Kollegen verspricht. Ich schalte meinen PC an, deaktiviere die Rufumleitung meines Telefons und hole mir erst einmal eine Kanne Wasser. Meine Mails sind voll mit Fragen von Interessenten zu unseren Produkten, Meetinganfragen von Kollegen und dem ewig gleichen Zeug. Ich könnte schon wieder gehen. Ich fange mit den Mails an, mache mit den Auswertungen weiter, passe ein Programm den Wünschen eines Kollegen an, optimiere Prozesse so, dass alle Kollegen noch lächelnd mitmachen, spaße ein bisschen mit meinem Büromitbewohner, gehe rauchen, ärgere mich darüber, dass ich den Prozess nicht ganz optimieren konnte, weil die Kollegin, wie soll es anders sein, sich gegen Neues sperrt, ärgere mich über meinen Vorgesetzten, weil er schon wieder Dinge tut ohne sie zu kommunizieren, ärgere mich über die Interessenten, die unfähig sind eine Website zu lesen – so, und es ist grad einmal zehn. So oder so ähnlich sieht mein Tag aus, der meist nicht vor 19.00h endet, und das fünf Tage die Woche, von sieben! Um zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: Hasse ich meinen Job? Antwort: Nein, ich hasse nicht meinen Job, ich komme nur nicht mit den Rahmenbedingungen zurecht.

1. Meetingkultur

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Meetings! Brainstormen, mit Kollegen kreativ sein, neue Ideen spinnen, effizient zusammen sitzen und Probleme lösen! Ich liebe es! Aber warum zum Teufel muss ich jeden Tag mindestens drei Stunden in Meetings mit meist ähnlicher Zusammensetzung (mal fehlt bei Meeting A nur eine Person aus Meeting B) verbringen, um mir dann über Wochen dieselben Sachen anzuhören? Ich bin mir nicht sicher, an wem es liegt, aber wenn zum millionsten Male ein Punkt auf dem Protokoll erörtert wird, der nun schon seit Wochen, manchmal Monaten dort steht und jede Woche wieder erörtert wird, dann krieg ich ’nen Knall! Ich guck mich jedes Mal aufs Neue (ich lerne es ja nicht) hilfesuchend, innerlich schreiend in der Runde um und frage mich, ob niemand anderes mitbekommt, dass genau dasselbe jede Woche wieder gesagt wird. Genau dieselben Leute wiederholen ständig genau dieselben Sachen – oder bin ich gefangen in einem Film? Es wiederholt sich gar nicht? Ich kann nur in die Zukunft schauen? Nein: es ist traurige Realität. Und mit dieser komme ich nicht klar. Ich könnte jeden Anwesenden anschreien, dass es doch nicht sein kann, dass wir diesen Punkt nun noch einmal erörtern, noch einmal erklären, noch einmal fünfzehn Minuten meines kostbaren Lebens damit verschwenden. Die Leute können doch nicht vergessen haben, dass alles schon fünfzigtausend Mal durchgekaut wurde. Wir sind bei Punkt 1 des Protokolls und ich bin schon auf 180, obwohl es mich gar nicht betrifft. Ich versuche ruhig zu bleiben, sage nichts, ziehe mich zurück, ich muss ja irgendwie noch die nächsten fünfundfünfzig Minuten überleben.

2. Schnacker

Schnacker: meine Lieblingstiere! Im Privaten kann ich ihnen aus dem Weg gehen, auf der Arbeit leider nicht. Schnacker lieben die Meetingkultur, sagen viele tolle Wörter, schmeißen mit Lächeln nur so um sich und bekommen meist rein gar nichts gebacken. Leider habe ich ein paar Exemplare dieser Spezies als Kollegen. Ich versuche, wie immer ruhig zu bleiben, sage nichts, ziehe mich zurück, halte mich an meine normalen Kollegen.

3. Ungerechtigkeit

Ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden, nicht ausstehen, ich hasse diesen Zustand. Auch früher habe ich mich immer vor die kleinen Jungs mit Brille gestellt, sie verteidigt, die hässlichen Welpen den süßen vorgezogen, damit sie nicht traurig sind. Ich glaube es gibt ein Gerechtigkeitsgen und meins ist sehr stark ausgeprägt! Ungerechtigkeit ist leider in der Arbeitswelt allgegenwärtig: Ost – West – Lohn (Beispiel), Lohn von Männern und Frauen bei gleicher Arbeit (siehe bspw.: Statistisches Bundesamt) , bekommt der beste Mitarbeiter die Beförderung oder der, der mit dem Chef öfters mal ein Bier trinken geht? Bekommt der Mitarbeiter zusätzliche Stunden für ein Projekt, der sie wirklich braucht oder der, der am lautesten und längsten schreit? Bekommt der Kollege das neue Büro, dessen jetzige Sitzposition die schlechteste ist, oder der Kollege, der seinem Chef andauernd Kuchen backt? Wer bekommt die Gehaltserhöhung? Der Kollege, der schon jetzt weniger als alle anderen verdient oder der, dem alles eigentlich egal ist und deswegen immer super Laune schiebt und über YouTube Videos lacht? Beweis: Manager Magazin, totaler Quatsch (wie ich finde) in der Welt. Ich denke, jeder, der schon ein paar Jahre im Arbeitsleben steckt, weiß, wovon ich rede. Wenn nicht: Glück gehabt! Bei mir häufen sich die Beispiele, trotz Arbeitgeberwechsel. Ich versuche, wie immer ruhig zu bleiben, sage nichts, ziehe mich zurück.

4. Kommunikations- und Konfliktunfähigkeit der Vorgesetzten (und Kollegen)

Wir sind ein relativ kleines Team: der große Chef (m), zwei Abteilungsleiter (m) und 30 Mitarbeiter (95% w). Nie wird etwas offen angesprochen, nie kommuniziert. Beförderungen erfährt man durch einen Klick auf die Homepage, neue Aufgabengebiete (für sich selbst!) bei ’nem Schnack auf der Toilette mit einer Kollegin, Abteilungswechsel (von sich selbst!) auf dem Flurfunk durch rüber rufen, Umzüge innerhalb der Abteilung (von einem selbst!) durch die IT-Abteilung, die die Telefone umstecken will. „Schlechte“ Mitarbeiter, die wirklich objektiv keine Leistung erbringen, die objektiv viele, viele Fehler machen, werden nicht ermahnt, können machen was sie wollen, ihnen wird die Arbeit abgenommen! Ganz nach dem Motto: Kollege A kann dies nicht, Kollege A bekommt das doch nicht hin, darum muss Kollege B herhalten, der eh schon nicht mehr kann. Anstatt Kollege A mal gesagt bekommt, wie der Hase eigentlich zu laufen hat, nein! Wo denke ich hin? Das kann doch alles Kollege B machen, der ist doch so schön produktiv, der macht das eh besser, als Kollege A. Ich könnt kotzen, weil dieser Sachverhalt auch sehr mit Ungerechtigkeit korreliert. Keiner, nicht Kollege C oder D oder E sagt ein Wort. Kollege B spricht mit Kollege A: keine Einsicht, seitdem Ignoranz. Ich versuche, wie immer ruhig zu bleiben, sage nichts, ziehe mich zurück, und mache die Aufgaben von Kollege A.

5. Respektlosigkeit

Mein Vorgesetzter ist ein Choleriker. Als Choleriker (von altgriechisch χολή [χolæ], deutsch Galle) wird in der heutigen Umgangssprache ein leicht erregbarer, unausgeglichener, jähzorniger, zu Wutanfällen neigender Mensch bezeichnet (Quelle: Wikipedia). Zu dieser Definition würde ich gerne noch das Adjektiv (oder Adverb?) respektlos hinzufügen. Man wird angeschrien, nun doch endlich das zu machen, was einem gesagt wird, obwohl man sonst immer für die kritische Betrachtungsweise geschätzt wird. Aber wenn der Herr Vorgesetzte seine fünf Minuten hat, ist kritische Betrachtung ein rotes Tuch. Ich finde es respektlos, wenn ein Vorgesetzter seine Mitarbeiter rund laufen lässt, sie anschreit, meist ohne Grund, meist in größerer Runde. Ich finde es respektlos den Urlaub verbieten zu wollen, weil eine von Trillionen Veranstaltungen während des Urlaubs stattfindet. Ich finde es respektlos, wenn ein Vorgesetzter die nicht genehmigte Lohnerhöhung mit der fehlenden Kommunikation (was auch?) zum großen Chef begründet. Ich finde es respektlos, wenn gesagt wird, man sei selbst schuld, wenn man immer mehr Aufgaben bekommt, schließlich habe man diese gut gemacht, man könne es als Lob verstehen. Ich versuche, wie immer ruhig zu bleiben, sage nichts, ziehe mich zurück.

Meine Arbeit an sich, die Rahmenbedingungen ausgeblendet, ich mag sie wirklich, ja ich liebe sie schon fast! Ich berate viele Interessenten, auch viele Internationale, am Telefon, per Mail oder auch auf Messen. Ich habe das Privileg (manchmal ist es auch ein Fluch, aber ich mag es) auf vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, ich habe so viele verschiedene Projekte, gestalte neue Prozesse und mach alte besser, ich digitalisiere, bin ab und an mal kreativ, lerne viel, komme viel raus, mach nie ein und dasselbe. Aber ich komme mit den Rahmenbedingungen einfach nicht zurecht.

Fazit:

Ich habe es mit Weglächeln versucht, mit drüber reden, mit Gelassenheit, mit Zorn und Wutausbrüchen, mit Heulen und mit Gleichgültigkeit.

Aber ich bin das nicht, ich kann das nicht. Ich kann keine fünfzehn Minuten Monologe über meine Erfolge halten. Ich weiß, dass ich gut bin, kann es sachlich mit Argumenten darlegen und untermauern, aber nicht bis ins kleinste Detail und auch nicht alle zwei Wochen in großer Runde. Ich bin auch kein Schreihals. Wenn mir etwas nicht passt, gehe ich zu meinem Chef (und/oder Kollegen) und sag es ihm, genau wie das Warum. Wenn nichts passiert, sag ich es ihm auch gerne noch ein zweites Mal-aber ein Drittes? Mir wird es immer nahe gehen, wenn andere oder natürlich auch ich selbst ungerecht behandelt werden, wenn die Guten in die Ecke gedrängt und die Schnacker nach vorne kommen, wenn Käffchentrinker die kreativen, effizienten Leute verdrängen. Was das nun heißt? Ich schreibe nicht, dass sich etwas ändern muss, sondern, dass sich etwas ändern wird. Ich weiß noch nicht ganz so genau was, es gibt (mal wieder) zig Möglichkeiten: Einfach kündigen mit dem Wissen, dass schon irgendwas kommt? Hab ich schon mal gemacht und gekommen ist dieser Job. Meinen kleinen Traum verwirklichen und einfach mal auf eine lange (Begriff bezieht sich auf die zeitliche Verfügbarkeit meines Gespartem) Reise gehen? Alles auf eine Karte setzen und raus? Noch einmal versuchen zu reden? Noch einmal versuchen das alles mit Gelassenheit zu nehmen? Schon wieder so viele Bäume – welcher ist der höchste? Ich sehe es von hier unten nicht.

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