Was riecht da so komisch?

Was riecht da so komisch? Chemieunfall in Hamburg Billbrook

Es ist abends. Ich sitze in einem Konferenzraum eines Hotels. Genauso sitzen um die 35 andere Menschen um mich herum in eben diesem Konferenzraum und lauschen einem Vortrag. Es steigt ein unangenehmer Geruch in meine Nase. Ich witzle mit meinen Stuhlnachbarn über die wohl begrenzten Künste der Küchenkräfte. Der Geruch wird immer intensiver, immer unangenehmer, bis der Vortrag unterbrochen und alle Teilnehmer vor dem Geruch nach draußen flüchten.

Im Innenhof des Hotels stehend, beobachten wir, wie sich weißer Rauch langsam durch die Belüftungs- und Klimaschächte von oben in den Raum drängt, ganz leicht, ganz sanft. Wir glauben immer noch an das Küchenpersonal. Die Fragen an die Hotelangestellten, was denn los sei, wann wir den Vortrag fortführen können und was denn so unangenehm riecht, werden mit großen Augen und einem unsicheren Lächeln beantwortet.

Ich denke unwillkürlich an den IS.

Der Geruch wird intensiver, meine Augen fangen ein wenig an zu brennen. Anscheinend bin ich sehr sensibel, denn bis jetzt bin ich die einzige, die darüber klagt. Von unserem geschützten Platz im Freien, können wir durch die Eingangshalle des Hotels nach draußen auf die Straße schauen. Irgendwie sieht es neblig aus vor der Tür. Ein Blick nach oben in den Himmel verrät mir allerdings, dass es wolkenlos ist und somit unmöglich Nebel sein kann. Da brennt wohl die Müllanlage nebenan, höre ich jemanden sagen. Macht ja auch Sinn bei diesem Gestank und dem beißenden Qualm.

Wir harren auf dem Innenhof aus.

Durch das Fenster sehen wir, dass immer mehr Menschen von draußen, von der Straße, in das Hotel stürzen. Sind das alles Gäste? Und wieso rennen die alle so? Und wieso halten die sich den Mund und die Nasen zu?

Ein paar andere Teilnehmer beklagen nun auch ein Brennen in den Augen. Ich bin froh, dass ich mir das nicht eingebildet habe.

Es wird immer schlimmer, ich muss meine Augen oft schließen, weil sie sich so trocken anfühlen.

Der Rauch wird dichter, meine Freundin und ich beschließen in die Hotellobby zu gehen, da es langsam anstrengend wird. Noch auf der Türschwelle drehen wir um, denn drinnen ist es viel übler als draußen. Wir glauben, dass die Klimaanlage den ´Brandrauch´ ins Hotel bringt. Auch die Drehtür am Haupteingang, die sich ständig dreht, da immer mehr Menschen im Hotel Zuflucht suchen, tut ihr übriges zur Situation drinnen.

Auch wenn es dort noch schlimmer ist – draußen im Innenhof wollen wir auch nicht bleiben.

Wir beschließen den Hinterausgang der Küche zu nehmen, um so zum Auto zu kommen und von hier abzuhauen. Vor dem Haupteingang sieht man nur noch weißen, dichten Nebel, so langsam wird es gruselig. Wir folgen den Notausgangsschildern zur Küche. In der Küche des Hotels angekommen, laufen Menschen an uns vorbei, die schnell weg wollen, bevor es noch bedrohlicher wird. Sie stehen an der Tür, schauen raus in den weißen Qualm, holen noch ein Mal tief Luft und rennen. Wir bleiben stehen, schließen die Tür schnell wieder, denn uns wird schlecht. Der Rauch ist nun in in seiner vollen Pracht auch schon hier.

Was machen wir? Hier bleiben? Raus zum Auto rennen? Das Atmen fällt immer schwerer. Meine Augen tränen, meine Freundin wird immer blasser, ihr ist übel. Ich habe keine Ahnung, was wir einatmen, aber gut kann es nicht sein, so wie die Schleimhäute gereizt werden. Ich sage meiner Freundin, sie solle bleiben, wo sie ist. Ich hole nasses Handtuchpapier von der Toilette und laufe zurück in die Küche. Im Flur zur Toilette kann man noch weniger atmen, es beißt in den Augen, tut weh in der Nase. So stehen wir da, atmen schwer in der Hotelküche, fragen uns was da gerade passiert und wie wir da raus kommen.

Ich kann nicht einfach nichts tun. Ich laufe in die Lobby, vorbei an tränenüberströmten Gesichtern, hustenden Menschen, ängstlichen Teenagern. Die armen Frauen an der Rezeption hat es am schlimmsten getroffen, sie müssen sich dumme Fragen der Gäste anhören, sind Schimpferein, Geschrei und Pöbeleien ausgesetzt. Ihre Augen sind nur noch kleine Schlitze, nass, ich bezweifle, dass sie noch etwas sehen können. Meinen Rat in die Küche zu gehen, will niemand annehmen, was ich bis jetzt nicht verstehe. Es stürzt ein Feuerwehrmann durch die Drehtür, ihm folgen drei, vier andere. Sie checken die Lage und schauen ein wenig ratlos.

Ich kann nicht mehr atmen, meine Augen brennen, ich muss zurück in die Küche. Dort angekommen, steht meine Freundin noch halbwegs lebendig dort. Wir haben immer noch keinen Plan. Fünf Minuten später laufe ich nochmals in die Lobby, um zu schauen, ob und wenn, was passiert. Wir wollten ja nun auch nicht vergessen werden in der Hotelküche. Mittlerweile haben wir vom Küchenpersonal nasse Stofffetzen bekommen, die wir gegen unsere Papierhandtücher eintauschen und uns vor die Münder und Nasen binden können. Nahe der Rezeption ist an tiefes Ein- und Ausatmen nicht mehr zu denken, wenn dann macht der Körper nur einen oberflächlichen, ganz flachen Atmer, bevor der Hustenreflex kommt. Die Rezepionistinnen sehen immer schlimmer aus, ihnen geht´s nicht gut. Ein Feuerwehrmann tritt an die Theke und gibt den Befehl zur Evakuierung. Aus der Drehtür raus und dann 700 Meter nach rechts müssten nun alle Gäste zur nächstgelegenen Rettungsstation laufen.

Mit dieser neuen Information mache ich mich wieder auf in die Küche, vorbei an hustenden Menschen mit roten Augen. Wir beschließen anstatt die 700 Meter in die Rettungsstation, nun doch die 200 Meter nach links zum Auto zu laufen. Wir bereiten alles vor: ich nehme die Taschen, meine Freundin hat den Autoschlüssel parat. Luft geholt, so gut es ging, den Lappen vor die Nase, Tür auf und los.

Im Auto angekommen, wagten wir fast nicht zu atmen, geschweige denn zu reden. Es schien Stunden zu dauern, bis das Auto anspringt und wir auf der Straße fuhren. Es war eine Totenstille, kein Auto, kein Mensch weit und breit. Nach 500 Metern sahen wir ein Polizei- und Feuerwehraufgebot die Straße absperren. Nach  1.000 Metern trauten wir uns die Fenster zu öffnen und konnten endlich wieder frei durchatmen. Wir konnten atmen! Eine Wohltat! Erst als wir ungefähr 20 Minuten später bei einer kalten Cola alles noch mal Revue passieren ließen, wurde uns der Ernst der Lage bewusst. Am späten Abend stellte sich heraus, dass es ein Chemieunfall war, dass ätzende Lauge ausgetreten ist und diese so dermaßen in den Augen gebrannt und uns das Atmen schwer gemacht hat.

Ich hoffe, dass es allen Gästen wieder gut geht, dass auch die Einsatzkräfte alles gut überstanden haben und die Rezeptionistinnen wohlauf sind.

Dieses Gefühl der Machtlosigkeit ist drückend, zutiefst beängstigend. Auf der anderen Seite hat mir diese Situation gezeigt, was der Mensch in der Lage ist auszuhalten. Im Hotel selbst, die eineinhalb Stunden, in denen wir um Luft ringen mussten, vergingen zum einen wie im Fluge, zum anderen war ich mir der Gefahr überhaupt nicht real bewusst. Natürlich wusste ich, dass etwas schlimmes passiert sein musste, dass unsere Gesundheit in Gefahr war, trotzdem war ich zu Scherzen aufgelegt, versuchte die zu trösten, die es brauchten und, warum auch immer, die Situation aufzuheitern.

Erst im Auto fing ich an zu zittern, mein Herz an zu rasen, erst da wurde mir so richtig schlecht und die Knie weich.

Heute Morgen wachte ich mit grauenhaften Halsschmerzen und Schluckproblemen auf, ich fühlte mich nicht wohl, mir war schwindlig. Mein Arzt verwies mich ans Krankenhaus. Der behandelnde Arzt der Notaufnahme sagte mir am Telefon, dass die meisten, die in diesem Hotel waren, über dieselben Symptome klagen, ich mir keine Sorgen machen und mich schonen soll. Hmm, na gut, dann mach ich das mal.

Der Spiegel berichtet.

 

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