Indien: Liebe, Hass oder irgendwas dazwischen? #1

Taj Mahal

Quirlig, laut, abstoßend, wunderschön, heiß, stickig, dreckig, interessant, arm, beklemmend, beeindruckend, herzlich, beängstigend, voll, konträr, sonnig, chaotisch, überwältigend, pompös. Diese und andere 1.000 Adjektive fallen mir ein, wenn ich meine Reise nach Indien beschreiben möchte. Wie finde ich Indien? Würde ich nochmals dorthin reisen? Hat es mir gefallen? Ist Indien ein tolles Land? Antworten auf diese Fragen habe ich bisher noch nicht gefunden.

14 Tage Indien, 14 Tage voller Eindrücke, 14 Tage in einer anderen Welt.

Von Delhi über Agra nach Jaipur, in ein kleines Dorf namens Sawarda und dann Mumbai – das war meine Route, um mir ein erstes Bild von Indien zu verschaffen. Ich sah die pompösen Hochhäuser in Mumbai, das Elend in Delhi, das prächtige, wunderschöne Taj Mahal, habe mich von Taxifahrern abzocken lassen, atemberaubende Tempel durchschritten, das scharfe Essen gegessen, mit Straßenkindern geplaudert, mich in Jaipur in den geschäftigen Straßen treiben lassen, mich mit einem Inder über Heirat und das Kastensystem unterhalten und den indischen Verkehr ohne einen Kratzer überlebt.

Indien ist das bisher konträrste Land, das ich jemals bereist habe. Ich habe sowohl tolle, schöne, liebevolle Momente, aber auch beängstigende und beklemmende Situationen erlebt. Ich war auf der einen Seite fasziniert von der doch sehr anderen Kultur, auf der anderen Seite hat sie mir Angst gemacht. Diese doch sehr widersprüchlichen Impressionen machen es mir sehr schwer ein abschließendes positives oder negatives Urteil über Indien zu fällen. Muss man denn überhaupt ein abschließendes Urteil haben, dass sich entweder auf der Plus- oder der Minusseite einordnen lässt? Der Mensch neigt ja dazu sich zwischen gut und schlecht, schön und hässlich, schwarz und weiß zu entscheiden. Ich auch. Aber im Falle Indiens kann ich es beim besten Willen nicht. Vielleicht irgendwann, aber zum jetzigen Zeitpunkt definitiv nicht. Daher kann ich nur sagen, was ich toll, überwältigend oder schön, und was ich abstoßend, beängstigend oder hässlich fand. Fange ich mal mit den eher weniger schönen Dingen an, um am Ende mit dem zweiten Artikel und dem Positiven zu schließen:

  • Bisher dachte ich, dass ich mit dem Anblick von Armut gut zurechtkomme – weit gefehlt! Und habe noch nicht mal die richtigen Slums der Städte zu Gesicht bekommen. Viele Menschen, die nicht mehr haben, als sie am Körper tragen, auf offener Straße schlafen, mit Dreck und Schmutz von Kopf bis Fuß. Verwahrloste Kinder mit einer Traurigkeit und/ oder Verwirrtheit in den Augen, wie ich es bisher noch nicht gesehen habe.
Straßenkind in Jaipur

Straßenkind in Jaipur

  • Mumbai hat eigentlich wunderschöne Strände. Eigentlich. Hier zeigt sich jedoch einmal mehr, dass Indien, neben anderen, ein sehr großes Problem hat: Umweltverschmutzung. Alles, wirklich alles, findet sich auf den Straßen, den Flüssen und im Meer wieder. Achtlos wird der Müll einfach irgendwo hin- oder reingeschmissen. Ob das nun die Schuld der Menschen oder der Regierung ist, kann ich nicht beurteilen. Selten habe ich jedoch öffentliche Mülleimer o.ä. gesehen. Vielleicht ist es aber auch nur eine Frage des Entwicklungsstandes eines Landes.
  • Als Touristin habe ich mich oft wie das pinke Sparschwein gefühlt, dass es gilt auszunehmen. Ich wurde betrogen und belogen, Absprachen wurden nicht eingehalten. „Du kommst aus Deutschland, du bist doch reich.“ Diesen Satz konnte ich irgendwann nicht mehr hören. Natürlich sind alle Deutschen im Vergleich zu den meisten Indern reich. Aber ist das ein Argument, Touristen abzuzocken? Natürlich gibt es das überall auf der Welt, so naiv und weltfremd bin ich nun auch nicht, aber nirgendwo ist es mir so aufgefallen wie in Indien. Irgendwann wurde ich schon paranoid und habe in jedem gleich das Schlechte gesehen – überhaupt nicht meine Art und ich habe es gehasst. Aber das ist es, zu was mich Indien in manchen Situationen gemacht hat – leider!
  • Männer, Männer, Männer… Überall Männer! An sich habe ich damit überhaupt kein Problem, aber in Indien kann sich auch eine starke Frau mal unwohl fühlen, wenn sie die Straßen entlang geht. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es für eine blonde Frau ist durch Delhis Gassen zu spazieren. Hunderte Augenpaare waren auf mich gerichtet, zum Teil interessiert und amüsiert, zum Teil anders, ich kann es gar nicht richtig beschreiben, wie es sich angefühlt hat von manchen Männern angeglotzt und angestarrt zu werden.
  • Ich wurde sehr oft einfach so fotografiert, ohne zu fragen, ohne ein fragendes, nettes Lächeln, nein, einfach so. Ungeniert, als wenn es das Recht eines jeden ist mich zu fotografieren. Manche kamen extra näher auf mich zu, um sich vor mir hinzustellen, ihr Handy zu zücken und ein Foto von mir zu machen.

    Mumbai: Chowpatty Beach

    Mumbai: Chowpatty Beach

  • Natürlich ist es voll in den Straßen der (Groß-)Städte – man schiebt sich auf dem engen Bürgersteig zu Tausenden entlang, man muss sich in einer engen Gasse irgendwie den Weg durch die Menschen bahnen, auf den Märkten kommt man nur an die Stände, wenn man sich einfach ins Getümmel stürzt. Körperkontakt bleibt da nicht aus. Aber wie kommt auf einmal eine Hand an meinen Arsch? Ok, kann passieren ist wirklich eng hier. Und schon wieder eine Hand an meiner Hüfte und noch eine an meinem Arsch. Es ist kein richtiges Anfassen oder Antatschen, aber Zufall ist das auch nicht.
  • Als ich in Mumbai gelandet bin, habe ich mir ein vorausbezahltes Taxi zu meinem Hotel gebucht. Das Prinzip dieser Taxis ist sehr einfach, wie der Name schon sagt: Man geht an einen Taxischalter, sagt wohin man möchte und bezahlt an diesem Schalter vorab. Mit dem Voucher, den man dann bekommt, geht man zum Taxistand und wird an seinen Zielort gebracht. Nachdem ich ins Taxi gestiegen bin, faselte mein Taxifahrer irgendwas von 100 Rupie Parkgebühr, die ich ihm zahlen sollte. Da ich überhaupt keine Lust hatte auf Diskussionen, habe ich ihm gesagt, dass er nichts bekommt und wenn er damit nicht einverstanden ist, soll er mich bitte sofort raus lassen. Er faselte weiterhin etwas von 100 Rupien. Ich sagte ihm, ich wolle aussteigen (wir waren keine 200 Meter vom Flughafen entfernt), er fuhr weiter. Ich sagte lauter und bestimmter „Stop!“, er fuhr weiter. Ich schrie, er solle anhalten, er fuhr weiter. Völlig verängstigt, was nun passiert, lehnte ich mich zurück und hörte den Taxifahrer wieder etwas von 100 Rupien sagen. Ich nickte, sagte so neutral ich konnte „Ja“ und hoffte einfach nur, dass er mich zum Hotel und nirgends anders hinfährt. Am Hotel angekommen, schmiss ich ihm seine 100 Rupien auf den Beifahrersitz und stürmte aus dem Auto.
  • An meinem letzten Morgen ging ich 5.30h noch einmal an den Hotelpool, um in Ruhe meinen Kaffee zu trinken und eine zu rauchen. Es war Sonntag morgen. Im Restaurant sah man eine Gruppe junge Inder, die wohl noch vom Vorabend dort saßen, sich unterhielten und tranken. Ich saß keine zwei Minuten, da kamen zwei von denen raus zu mir. Sie waren betrunken und wollten mit mir reden. Nun: wer hat betrunkene Inder schon mal Englisch reden hören? Richtig, es war unmöglich sich mit ihnen zu unterhalten. Ich sagte zu ihnen, dass ich sie nicht verstehe, dass ich gerne meinen Kaffee in Ruhe trinken würde und wir unser Gespräch irgendwann anders fortsetzen könnten. Sie fingen an mich zu beschimpfen, mich zu beleidigen und lauter zu werden. Ich sagte gar nichts mehr und schaute einfach nur auffordernd und Hilfe suchend zu den fünf Hotelangestellten, die sich keine 30 Meter weiter aufhielten – niemand kam. So nahm ich meine Zigaretten und flüchtete ins Hotel.

    Mumbai:  Mahalakshimi Dhobi Ghat (Wäscherei)

    Mumbai: Mahalakshimi Dhobi Ghat (Wäscherei)

  • Indien stinkt! An vielen Ecken wurde mir einfach nur schlecht von dem Gestank, eine Mischung aus Dreck, Unrat, Verrottetem und Fäkalien. Ganz schlimm wird es in der Nähe der öffentlichen Urinale (keine „normalen“ (für Frauen) Toiletten in Sicht), die keine Wasserspülung haben, sondern einfach so auf den Bürgersteigen bzw. an öffentlichen Plätzen zu finden sind.
  • Am Straßenrand, im Park, auf der Wiese, an die Häuserwand, auf einem Müllberg – überall wird öffentlich uriniert. Wer jetzt denkt, das betrifft nur Männer – nein! Aber auch die Inder scheint es zu stören. Wie sie versuchen die Hauswandpisser im Zaum zu halten, kann man hier nachlesen.

Im zweiten Teil „Indien: Liebe, Hass oder irgendwas dazwischen?“ geht´s ums Schöne, Tolle, Faszinierende an Indien.

Da ich eigentlich geschäftlich in Indien unterwegs war, dies ausnutzen und vor meinem Termin noch einiges von diesem Land sehen wollte, habe ich mich eine Gruppenreise ausprobiert. Wie das so war? Ob ich das gut fand? Nun ja, lest selbst.

Hier die Karte mit meinen bereisten Orten in Indien und den dazugehörigen Beiträgen

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