Alleine oder doch Gruppenreise?

Reisegruppe in Jaipur

Bin ich ein Gruppenreisetyp? Kann ich meine wertvolle Reisezeit im schlimmsten Fall mit Menschen genießen, die ich nicht mag? Will ich das? Muss ich das? Oder bin ich eher der Alleinreisende? Der sich abends auch mal gut und gerne selbst zum Essen einlädt?

Gruppenreisen sind wohl ein Thema, bei dem sich die Geister scheiden. Viele assoziieren Gruppenreisen mit

  • einem strammen Zeitplan
  • dem Abhaken von eh überlaufenen Attraktionen
  • wenig Zeit das zu machen, worauf man in ganz gewissen Augenblicken einfach mal tierisch Lust hat
  • Zwang an Verkaufsaktionen teilzunehmen
  • hyperaktive Guides, die man dabei beobachtet, wie sie ihre Provisionen von den Restaurants und Shops lächelnd annehmen und dann auch noch viel Trinkgeld von einem verlangen
  • Touristenrestaurants, in denen man essen muss, weil es weit und breit nichts anderes gibt, obwohl man lieber die Garküche ausprobiert hätte, an der man vor 20 Kilometern vorbei gefahren ist
  • nervende Menschen im Bus, die ständig fotografieren, auf die Toilette müssen und dämlich Fragen stellen
  • Zimmergenossen, die man gern gegen den stinkenden Esel vor dem Hostel eintauschen würde

Vielleicht assoziieren das nicht alle mit Gruppenreise, aber ich. Also nicht ganz, aber schon irgendwie. Ist ja nicht so, als wenn ich über etwas rede, was ich noch nicht gemacht hätte. Meine erste Indienreise stellte mich vor die schwere Frage: das erste Mal in Indien alleine reisen oder sich einer Gruppenreise anschließen? Da ich eigentlich beruflich nach Indien gefahren bin, konnte ich auch nur einen bestimmten Zeitraum vor bzw. nach meiner Arbeit dort rumreisen. Da ich dazu aber auch noch Urlaubstage sparen musste (Warum? Hier lang.) war schon mal klar, dass ich viel in kurzer Zeit sehen musste, damit sich das alles überhaupt ein bisschen lohnt. Zeitnot zum selbst Organisieren, der Respekt vor diesem Land und seinen Gepflogenheiten und eine gewisse Portion Neugier auf das Phänomen `Gruppenreise` haben mich dann dazu veranlasst eine Gruppenreise zu buchen. Zum Glück hatte ich bis vor dem Start des Flugzeugs nach Delhi eigentlich gar keine Zeit mich mit dem Gedanken an die Gruppenreise zu beschäftigen.

An meinem ersten Tag in Delhi, in einem Hotel etwas außerhalb, hing ich ziemlich durch, verschlief fast den gesamten Tag, traute mich gerade mal so eine Stunde in die brütende Hitze zwischen Fahrrädern, Straßenhunden, Kühen und TukTuks. Am Nachmittag war ich dann doch irgendwie froh mich für die Gruppenreise entschieden zu haben und freute mich auf das Kennenlernen, was am selben Abend stattfand. Die Ernüchterung folgte dann ziemlich schnell: 4 Amis und eine Schweizerin. Nichts gegen Amerikaner und Schweizer, bloß nicht, aber… aber… aber. Die 4 Amerikaner kamen alle samt aus New York, waren untereinander befreundet und kamen eigentlich nur zum Party machen nach Indien. Nach Indien! Der Spaßvogel stellte sich in unserer Vorstellungsrunde so vor: „Hi my name is Patrick and I´m an alcoholic too.“ In dem Moment fand ich es lustig und habe ihm schon mal den imaginären Spaßvogel-Aufkleber auf die Stirn geklebt. Aber es war bitterer Ernst. In der ersten Nacht zogen die 4 los, ließen es in Clubs Scheine regnen, sprühten Champagner, legten sich mit Indern an und wurden aus dem Club geschmissen. Eigentlich kann man froh sein, dass ihnen nicht mehr passiert ist! Aber auf die Geschichten, auf die sie schon stolz waren, hätte ich gerne verzichtet.

Nun ja, sagt die Beschreibung des ersten Abends nicht schon einiges aus? Achja, die Schweizerin: sie zog sich nach dem Kennenlernen ohne ein einziges Wort auf ihr Zimmer zurück.

Die Jungs benahmen sich eigentlich so, wie man es sich nach der Sache mit der ersten Nacht vorstellt. Was sollte ich tun? Mich abseilen? Einfach in einen vorbeifahrenden Zug springen?

Eine der vielen Kühe satteln, die an mir vorbei liefen, in der Hoffnung, dass sie mich durch Delhi führen, mir das Taj Mahal zeigen, nach Jaipur bringen und meinen Wissensdurst über Land, Leute und Kultur stillen?

Ja, vielleicht hätte ich die letzte Variante wählen sollen. Aber danach ist man immer schlauer. Ich wählte den Weg des netten deutschen Mädels, die abends gerne mal ein Bier trinkt, mehr aber auch nicht und tagsüber eher ihr eigenes Ding macht. Die ersten 2 Tage habe ich wirklich versucht MIT ihnen zu reisen, mir MIT meiner Gruppe die tollsten Sachen anzuschauen und darüber zu staunen. Aber es gab einfach zu viele Situationen (allein in den ersten 2 Tagen), in denen ich mich fremdgeschämt habe und extra ein paar Meter Abstand genommen habe, damit nur ja keiner auf die Idee kommen könnte, wir stehen in irgendeiner Verbindung.

Alleine los oder Gruppenreise?

Alleine los?

Alleine los oder Gruppenreise?

Oder Gruppenreise?

  • keine angemessene Kleidung
  • hörbares Kleingeld in den Hosentaschen
  • sichtbare große Geldbeutel
  • Unfreundlichkeit gegenüber den (zugegeben: nervenden) Händlern
  • und und und

haben mich dann dazu gebracht lieber mein Ding durchzuziehen. So habe ich mich dann wenigstens wohl gefühlt. Was nicht heißt, dass ich nicht mit ihnen geredet hätte, aber ich war eigentlich nur ein Gast in unserer Gruppe, was aber auch für jeden fein war. Ab der zweiten Nacht musste ich mit der Schweizerin ein Zimmer teilen, was an sich auch nicht schlimm war. Sie neigte nur leider sehr zum Meckern, was ich nicht leiden mag, zum schlechte Laune schieben, wenn sie Hunger hatte und zu unverhältnismäßigen Klimaanlageeinstellungen. Würdet ihr die Klimaanlage in einem Hotelzimmer auf 18 Grad stellen, wenn es draußen 35 Grad sind und mit Schlafsack (einem normalen wohlgemerkt, keinem Inlett) und langem Pyjama schlafen? Und euch dann noch darüber aufregen, dass es so heiß ist? Ich traute mich gar nicht zu fragen, ob wir die Klimaanlage ausmachen können, mir war nämlich kalt…

Am letzten Abend gingen wir alle noch einmal zusammen essen und dann trennten sich unsere Wege relativ unaufgeregt.

Mein Fazit?

Ich bin froh über die Erfahrungen, die ich machen durfte! Ohne das Konzept der Gruppenreise hätte ich niemals so viele tolle Dinge in so kurzer Zeit gesehen. Die 8 Tage waren wunderbar. Gerade das erste Mal Indien hätte ich mir alleine nicht zugetraut und daher war es sehr schön. Aber ich bin einfach nicht der Gruppenreisetyp. Ich könnte jetzt wieder Wort um Wort beschreiben, warum, wieso, weshalb, zitiere an dieser Stelle aber einfach mal mein Reisetagebuch. Diesem habe ich ein Kapitel „Fazit – Gruppenreisen“ gewidmet:

  • ich bin nicht massentauglich
  • ich habe mich meistens abgeseilt und für die anderen doof gefühlt – aber nie alleine
  • mit ihnen war ich nicht ich selbst
  • haben nur in Tourirestaurants gegessen – teuer!
  • kam mir manchmal wie auf einer Kaffeefahrt vor
  • Hotels waren mir mit Ausnahme von einem zu schickimicki
  • ohne die Tour hätte ich aber niemals so viel gesehen, wäre niemals ins Dorf Sawarda gekommen, hätte keine Straßenkinder-Tour in Delhi gemacht und nicht solch tolle Guides in Agra und Jaipur gehabt
  • mir hat die Freizeit gefehlt, das selbst bestimmen, wo ich hin will, wo, was und wann ich esse, wo ich was kaufe, wann ich Pause mache, ob ich in bestimmte Läden gehe, etc.

Würde ich es wieder tun?

Auf jeden Fall! Ich bin realistisch genug, vielleicht auch ein bisschen (zu) optimistisch, zu denken, dass es der Zufall auch mal so einrichten würde, dass ich auf eine Reisegruppe treffe, die meine Art des Reisens teilt und der Wohlfühlfaktor daher auch höher wäre. Wie oben schon gesagt, möchte ich die Erfahrung nicht missen, auch wenn es jetzt nicht gerade eine umwerfende Erfahrung war. Ich denke, man kann Gruppenreisen per se nicht auf die Don´t-Do-Liste setzen, denn wie so oft, machen es da die Leute – entweder es passt oder eben nicht. Das weiß man aber immer erst, wenn man sich kennenlernt.

P.S.: Ich muss an meinen Selfies arbeiten, wenn ich alleine unterwegs bin:

Selfie vor dem Taj Mahal ohne Taj Mahal

Selfie vor dem Taj Mahal mit nur einem halben Taj Mahal

Und noch ein kleiner Nachtrag für die, die mehr über dieses Thema lesen wollen: Robin von Travel Forever hat eine tolle Blogparade genau dazu ins Leben gerufen.

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Ein Gedanke zu “Alleine oder doch Gruppenreise?

  1. wenn das deine Erwartungen an eine Gruppenreise sind und die auch noch bestätigt wurden, kann ich nur sagen: Du hast die falsche Gruppenreise gebucht!

    Meine Studienreisen gingen immer zwei Wochen – das war kein strammer Zeitplan, sondern eigentlich ganz entspannt. Die Attraktionen – klar, man hat sich die Highlights angesehen. Aber die hätte ich mir privat auch angesehen. Oder wer reist ab aus Marrakech ohne Jemaa el Fna gesehen zu haben? Verkaufsaktionen? hmm, nein. Das hatte der Reiseanbieter nicht nötig – dafür ist er teuer genug, um sich auch ohne über Wasser zu halten.
    Hyperaktive Guides, die nebenbei noch hübsch Kohle machen? Wär mir nicht aufgefallen – außerdem verdienen auch die genug bei diesem Anbieter, mit dem ich unterwegs war.
    Tourirestaurants? Gerade in USbekistan wäre mir weniger authentisches recht gewesen 😉 Wir haben mehrfach bei Usbeken zu Hause gegessen.
    Nervende Menschen? Ja, klar, das kann ein echtes Manko sein bei einer Gruppenreise – irgendein Trottel ist wohl dabei. ABer bisher konnte ich die gut umgehen und hab nicht viel Zeit mit ihnen verbracht. Der nervende Mensch, der ständig fotografiert, war eh ich 😉 Und die mit den vielen Fragen auch 😉
    Und gegen lästige Zimmergenossen hilft ein Einzelzimmer.

    Schade, dass Du so schlechte Erfahrungen machen musstest, aber wie gsagt: Es geht auch anders 🙂 Es kann richtig gut sein – häufig muss man dann aber auch einiges an Geld drauf legen. Aber das ists mir wert.

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