Was passiert, wenn man auf sich selbst trifft?

Sonnenuntergang auf Apo Island

Ich bin im Laufe meines Lebens vielen, vielen Menschen begegnet. Seitdem ich reise, treffe ich noch mehr Menschen. Mehr Menschen, die neben den eh schon vorhandenen Unterschieden im Denken, Handeln und Fühlen auch noch andere Kulturen und Mentalitäten mitbringen. In den meisten Fällen ist das höchst interessant, aufregend, anders, manchmal befremdlich. Ich lerne dazu, ich nehme ein klares JA bei bestimmten Kulturen nicht mehr als solches wahr, ich lerne keine Ja-Nein-Fragen zu stellen, lerne, dass die Antwort „Ich weiß es nicht“ in manchen Köpfen nicht existiert, lerne nicht ärgerlich zu sein, wenn ich aus reinem Nichtwissen in eine falsche Richtung geschickt werde, lerne Körpersprachen. Ich lerne, ich entwickle mich, erfahre Neues und Ungeahntes.

Doch was passiert, wenn man auf sich selbst trifft?

Wie verhält man sich, wenn man jemandem begegnet, der dieselben verdrehten Ansichten und Meinungen teilt, dieselben lebensbeeinflussenden Fragen stellt? Ein Mensch, der die Eigenschaften besitzt, die man an sich selbst liebt und wertschätzt? Der aber auf der anderen Seite auch die schlechten Seiten hat, die man an sich selbst nicht mag, manchmal sogar hasst oder verabscheut? Steht man diesem Menschen neutral gegenüber? Kann man überhaupt eine objektive Meinung haben, wenn man vom ersten  Augenblick das Gefühl hat, den Menschen schon sein Leben lang zu kennen? Will man sich überhaupt eine Meinung bilden? Fällt diese negativ aus, gesteht man sich ja ein, dass man sich selbst nicht mag. Und streben wir nicht alle nach innerer Zufriedenheit, Liebe und Ausgelassenheit?

In schwachen Stunden, in bestimmten Momenten und Situationen, in denen man mit sich selbst hadert, nicht vollkommen  zufrieden ist, etwas verloren scheint, braucht man nicht gerade dann jemanden, der einen aufbaut? Der die guten Seiten ans Tageslicht bringt und im inneren Chaos etwas Ordnung schafft? Braucht man dann nicht einen Gegenpol? Was passiert, wenn ich in diesen Situationen jemanden an meiner Seite habe, der genauso hadert, dessen Kopf ebenso mit Trilliarden Fragen gefüllt ist, der weder vor noch zurück weiß? Der denselben Pol hat? Der genauso ist, wie ich?

Ich habe insbesondere die letzten 5 Monate auf Reisen viele unterschiedliche Leute kennengelernt, Smalltalk gehalten, Lebensgeschichten gehört, Ratschläge bekommen und  gegeben. Aber eine Begegnung hat mich ganz besonders geprägt:

Ich bin gerade auf Apo Island (Philippinen) auf Entdeckungstour. Ich blieb an einem Umgebungsplan stehen, den sich mit mir zusammen auch ein junger Mann aus Israel mit seiner Ukulele auf dem Rücken anschaut. Ich frage ihn, ob er schon etwas Nettes entdeckt hätte und er fängt an zu plaudern. Nach 5 Minuten trennen sich dann unsere Wege. 3h später begegnen wir uns zufällig beim Mittagessen und quatschen drauf los; über die besten Spots der Philippinen und über seine und meine ungeplanten Pläne. Danach trennen sich unsere Wege erneut. Ich gehe gerade am Strand entlang, um mir den fulminanten Sonnenuntergang anzuschauen, als er auf einmal mit seinen langen Locken neben mir auftaucht. Man muss dazu sagen, Apo Island ist sehr klein, gerade einmal 0,74 Quadratkilometer. Wir starren fasziniert in den kunterbunten, feurigen Himmel, tauschen ein paar Worte der Bewunderung für den Moment aus und verabreden uns locker auf ein Bier am Abend.

Sonnenuntergang auf Apo Island

Sonnenuntergang auf Apo Island

Bei einem kalten San Miguel und ein paar selbstgedrehten Zigaretten halten wir schon unsere erste Therapiestunde ab. Kein Geplänkel, kein wer-bist-du, was-machst-du, was-bist-du. Einfach mal ein intensiver Gedankenstriptease – seinerseits – über die Frage, ob wir überhaupt noch in der Lage sind allein zu sein, tolle Momente alleine zu genießen oder ob wir jemanden oder etwas (Facebook) an unserer Seite wissen müssen, um tolle Dinge genießen zu können indem wir sie teilen. Ich war so glücklich in dem Moment, sich nach 5 Monaten überwiegenden wie-heißt-du-, wo-kommst-du-her-, wie-lange-bist-du-unterwegs-, was-hast-du-schon-alles-erlebt-Gesprächen mal wieder anzustrengen etwas von ganz tief innen nach draußen zu tragen. In diesem Gebiet bin ich zwar auch im Allgemeinen kein Spezialist, aber nach solch langer Zeit eben dieser oberflächlichen Unterhaltungen fiel es mir noch schwerer – komischerweise liebte ich es! Nachdem der Strom auf der gesamten Insel abgestellt wurde, verabschiedeten wir uns wie alte Freunde; ich reise am Folgetag ab, er genießt noch ein bisschen das Inselparadiesfeeling. Ich rief ihm spaßeshalber hinterher: „Morgen früh 7.00h geht das Boot nach Malapascua – wenn du Lust hast?!“

Dieser eine Abend ist mir noch so gut in Erinnerung, nicht nur weil ich mal wieder ein tiefgründiges Gespräch mit einem intelligenten, aufgeschlossenen Menschen führen durfte, sondern auch, weil ich bei fast allem, was er zu sagen hatte, innerlich aufsprang und „yeay!“ schrie. Es war so ein inniges, warmes Gespräch, offen und angstfrei, wie man es wohl nur mit einem Fremden führen kann, oder?

Aber diese Begegnung sollte noch weiter gehen: Nachdem ich am nächsten Morgen 7.00h ein Boot zum Festland nahm, saß ich am Anleger erst mal 1h fest, da es aus Eimern schüttete. Als der Regen dann endlich etwas nachließ, konnte ich zur Hauptstraße rennen und einen Bus anhalten. Plitschnass ließ ich mich in meinen Sitz fallen, sammelte mich, schaute auf und siehe da: mein Gesprächspartner vom Vorabend steht mit einem Lächeln vor mir im Bus. Es folgen 3 aufregende Wochen mit… MIT MIR SELBST! Mit mir selbst in Form eines überaus attraktiven Mannes.

Unsere erste „Begegnungsreihe“ beschreibt unsere gemeinsame Zeit eigentlich sehr gut: hin und her; zusammen und allein; sehr intensiv und tiefgründig; spontan und ungeplant; aufreibend und aufregend.

Eine kurze, aber ehrliche und gewollt objektive Beschreibung meiner(unserer-)selbst:

  • Durchaus schwer zu verstehen und zu durchblicken
  • Fühlt sich unwohl in größeren Gruppen
  • Starke Persönlichkeit
  • Braucht überdurchschnittlich viel Alleinzeit
  • Neugierig, wissbegierig, offen, spontan, ziel- und planlos
  • Schnell gelangweilt, humorvoll und ironisch
  • Die Zunge ist manchmal schneller als der Kopf, was einhergeht mit harschen Reaktionen und dem danach ewig drüber Nachdenken
  • Lieber keine Unterhaltung, als eine schlechte
  • Meidet Hostels und v.a. Dorms
  • Lärm und Menschenmassen führen zur Starre und Unbehagen
  • Kann negative Gefühle nicht verstecken und positive nicht immer angemessenen zeigen
  • Impulsiv, emotional mit Hang zum Optimismus und abhängig von Lust, Laune und Sonnenstand auch ab und an zum Realismus
  • Nah am Egoismus, aber trotzdem weit davon entfernt
  • Harmonie- und freiheitsbedürftig
  • (Über-)Denker, Träumer, Illusionär und Tagesgeldkontoinhaber

-> Beständig unbeständig; konsequent inkonsequent

 

 

Was passiert also, wenn ich 3 Wochen mit so einer Person, mit mir selbst, verbringe?

 

  • Zum ersten lerne ich so ungemein über mich selbst und v.a. wie ich auf andere wirke. Mir wurde 3 Wochen lang ein Spiegel vorgehalten und das in den unterschiedlichsten Situationen. Ich hatte die Möglichkeit mich von außen zu betrachten. Manchmal habe ich das Spiegelbild geliebt, manchmal habe ich mich dafür geschämt, manchmal war ich wütend, verletzt oder habe es wirklich gehasst. Im Nachhinein hat mich diese Zeit so enorm viel gelehrt, über mich im Allgemeinen, über mich im Umgang mit anderen Menschen. Ich war 24 Stunden am Tag in der Schule, habe gelernt und unzählige Aha-Momente gehabt, in denen ich so viel verstanden habe, dass mein Kopf gar nicht mehr zur Ruhe kam. Es war wie eine Erleuchtung, die rein gar nichts mit Esoterik zu tun hat. Dieses Lernen über mich und die Tatsache, dass ich mit meinem Travelbuddy trotz gelegentlicher negativer Momente weiter reisen wollte, hat mich auch dazu gebracht mehr zu akzeptieren, Dinge einfach hinzunehmen ohne sie ändern zu wollen, auch wenn ich den halben Tag darüber nachgedacht habe. Ich konnte bestimmte Situationen besser einschätzen, weil ich genau wusste, warum wieso er tut, was er tut und habe es so hingenommen, auch wenn ich es nicht mochte. Ich hätte es ja genauso gemacht…

 

  • Zum zweiten kann ich sagen, dass es kein Zuckerschlecken ist eine so lange Zeit mit einem Kopfzwilling zusammen zu sein und zu reisen. So viele Fragen wurden gestellt, diskutiert, überdacht, verworfen, bis ich irgendwann keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Gedankenoverload extrem! Wenn 2 starke Persönlichkeiten, die normalerweise alleine unterwegs sind, von jetzt auf gleich 24/7 zusammen sind, kann auch mal der Fährticketkauf zu einem nervenzertrümmernden Ereignis werden. Jeder hat seinen eigenen planlosen Plan, der sich minütlich ändert ohne es auszusprechen, ist man ja nicht anders gewohnt als Alleinreisender, jeder hat seine eigene Dynamik, seine Vorstellungen, die schon dieselben sind, nur nicht in der Sekunde, in der es drauf ankommt. Dann kommt die harsche Reaktion und das spätere darüber Nachdenken und die Einsicht, dass alles beständig unbeständig ist. Und das war nur der Kauf eines Fährtickets! Das ist auf Dauer anstrengend und kräftezehrend.

 

  • Zum dritten war es für mich eine bisher einmalige Erfahrung jemanden wie mich zu treffen. Ich will damit nicht sagen, dass ich außergewöhnlich oder besonders wäre. Eine Welt voller Menschen wie mir würde nach 36 Stunden im Chaos versinken. Nein, ich meine damit, dass ich vorher keinem Menschen begegnet bin, der es auch so sehr braucht und liebt alleine zu sein. Der in größeren Gruppen am liebsten weglaufen würde, stattdessen aber die Rolle eines guten Zuhörers einnimmt. Der nach außen so extrovertiert, bei näherer Betrachtung aber enorm introvertiert ist. Der so stark zu sein scheint, im Inneren aber so fragil und sensibel ist. Der auch nicht weiß, was das Leben von ihm will, ihm trotzdem mit offenen Armen entgegen rennt. Der genauso wenig von Lebensplänen und den Worten „immer“ und „nie“ hält. Der seine Meinung einfach mal ändert, weil er darüber nachgedacht und gute Gründe dafür hat, die in der nächsten Stunde aber nicht mehr gut sein müssen, weil er noch einmal besser, tiefgründiger darüber nachgedacht und beschlossen hat, doch die vorige Meinung zu haben. Dem Freiheit auch so wichtig ist, wie die Luft zum Atmen, der trotzdem den Sinn in Arbeit und Geld sieht. Und ich könnte jetzt stundenlang so weitermachen. Was ich damit sagen will, ist, dass diese Begegnung mir gezeigt hat, dass ich doch nicht so anders bin, dass es da draußen noch mehr meiner Spezies gibt. Und das beruhigt mich, macht mich glücklicher, mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen, mit der Welt.

 

  • Zum vierten hat mich diese Begegnung darin bestärkt immer den Moment zu genießen, zu leben und zu lieben. Zwar muss man an Morgen denken, aber man braucht dem Kommenden nicht allzu viel Bedeutung zu schenken, das Jetzt und Hier ist wichtig. Was nützt es mir eine Entscheidung zu treffen, die zwar vernünftig und für die Zukunft gut wäre, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber scheiße anfühlt? Ich bin frei, gerade jetzt! Und was ist schon vernünftig? Ist es vernünftig mein heutiges Ich außer Acht zu lassen, damit sich mein Zukunftsich nächste Woche vielleicht besser fühlt? Ich weiß doch gar nicht, was das Leben für morgen bereit hält, wie soll ich dann eine Entscheidung für nächste Woche treffen, mit der ich mich nicht wohl fühle, die aber vernünftig zu sein scheint? So kam es, dass wir beide, nur für den Moment, schon gebuchte Flüge cancelten und ich mein Visa verlängerte – und ich bereue es nicht, auch wenn es unvernünftig war, so viel Geld für ein paar Momente auszugeben.

 

Will man denn nun überhaupt auf sich selbst treffen?

Wenn das Ich eine sehr starke, zum Ego neigende Persönlichkeit mit impulsiven, emotionalen Schüben und beständig unbeständigen Plänen, Meinungen und Vorhaben ist, kann es durchaus anstrengend werden.

Die Frage ist nur, was man daraus macht.

Lässt man sich darauf ein, kann es eine lehrreiche, aufregende Achterbahnfahrt mit 1.000 Loopings und Nervenkitzel werden, von der man noch seinen Enkeln berichtet. Wenn man dafür aber noch nicht bereit ist, wird es ein eher kurzes Intermezzo, das man so schnell wie möglich beenden will und auch muss. Alles hat seine Zeit. Um etwas Neues zu lernen, braucht man ein gewisses Maß an Vorwissen. Es ist also nicht verwerflich, wenn man noch nicht bereit ist, auf sich selbst zu treffen. Bei uns war die Zeit reif, es war ein guter Zeitpunkt. Wir haben uns so dermaßen bereichert, voneinander gelernt und gezerrt.

Sich selbst zu treffen ist eine herausfordernde Aufgabe, eine Challenge, die man weder gewinnen, noch verlieren kann. Wer sie zum richtigen Zeitpunkt annimmt, wird reich beschenkt. Beschenkt mit Input,  Gedanken, Emotionen, Veränderungen und im besten Fall Glück und Zufriedenheit.

 

Das war meine bisher eingehendste Reisebegegnung, die ich gerne im Rahmen der Blogparade: Reisebegegnungen von Heldenwetter teile. Dort findet ihr noch andere tolle Begegnungsgeschichten auf Reisen.

 

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7 Gedanken zu “Was passiert, wenn man auf sich selbst trifft?

  1. Hi,
    Sehr spannende Gedanken und Erlebnisse zum Thema Sich-selbst-treffen.
    Und dazu braucht es noch nicht einmal jemanden, der ist, wie du und in dem du dich spiegelst.
    Ich habe auf meinen alleine Reisen sehr viel über mich gelernt durch Situationen, die ich meistern musste, Grenzen, die ich überschritten habe im Denken und Handeln und durch einheimische Menschen, mit denen ich gesprochen und etwas erlebt habe.
    Alles Gute weiterhin, Marianne
    Alleinereisenjetzt.wordpress.com

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    • Hi Marianne,

      ja, du hast Recht. Man lernt auch alleine auf Reisen so enorm viel über sich selbst.
      Trotzdem war diese Zeit die bisher lehrreichste für mich, da ich mich „sehen“ konnte, nicht nur drüber nachgedacht habe, sondern es mich selbst betroffen hat. Ich weiß nicht so recht, wie ich es beschreiben und in Worte fassen kann, aber es war noch einmal etwas anderes, intensiver…

      Liebe Grüße
      Candy

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  2. wow wow wow…so berührend so fantastisch:) auch ich habe mich in einigen deiner besonderheiten wiedererkannt. ich bewundere dich dafür, dass du den mut hattest hinzuschauen, daraus zu lernen:) ich danke dir dass du es so festgehalten hast, und damit vielen menschen ein vorbild bist. einfach riesen respekt meine liebe. hast du wunderbar geschrieben und ganz viel für dich selbst gelernt, gleichzeitig durch deinen text ganz vielen deiner lesern geholfen und inspiration gegeben.
    aus tiefem herzen danke!!!
    alles liebe lisa (lebenslichtpfade.wordpress.com)

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    • Liebe Lisa,

      ich habe lange überlegt, was ich auf dein Kommentar antworten kann und möchte. Ich bin bei Danke hängen geblieben. Danke für deinen Support, danke für deine mutmachenden Worte, danke für die lieben Worte zwischen uns ja eigentlich Fremden, danke für das warme Gefühl im Bauch, danke für das Schmunzeln beim Lesen, danke!

      Liebe Grüße
      Candy

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      • liebe candy:) danke dass du dir die mühe gemacht hast, zu antworten. und ja ich finde wir sollen es sagen, wenn uns was berührt, wenn uns was gefällt, denn das bringt uns weiter. den dank und das interesse zeigen. und das gefühl dass du in dieser zeit erlebt hast, dafür darfst du so dankbar sein.
        alles liebe lisa

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