Was ich am Reisen scheiße finde?

Manchmal ist es einfach scheiße.

Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt. Warum eigentlich nicht?

Alle erzählen meist ausschließlich von den positiven Erfahrungen auf Reisen, was sie an atemberaubenden Dingen gesehen, welch bezaubernde Menschen sie getroffen und was sie alles Verrücktes erlebt und leckeres gegessen haben. Über Erfahrungen, die ihr Leben bereichert und verändert haben. Erzählen von den Momenten, die ihnen am meisten in Erinnerung bleiben und das sind natürlich die Guten.

Es ist doch wie mit einer beendeten Beziehung mit einer Person, die man sehr geliebt hat. Nach dem Schmerz, den Tränen und dem Kummer kommt irgendwann ein Zeitpunkt, an dem man sich nur noch an die positiven Seiten des Menschen und der Beziehung erinnert; wie viel Spaß man doch hatte, die guten Gespräche und der grandiose Sex! Um sich wieder bewusst zu werden, warum die Beziehung in die Brüche gegangen ist, braucht es dann schon etwas mehr Nachdenken. Man muss sich dazu zwingen, die schlechten Erinnerungen aus den Schubladen zu kramen, in die man sie damals gesteckt hat. Und diese Schubladen muss man zum einen erst mal finden, und finden wollen, zum anderen dann öffnen, und auch öffnen wollen. Es gibt ja einen Grund, warum man das alles versteckt hat: Selbstschutz! Schutz vor negativen Gedanken und Trauer. Die menschliche Psyche ist schon ne ziemlich smarte Erfindung! Und so ist es auch mit den negativen Aspekten am Reisen. Wir schieben sie in Schubladen, die weit weg sind von unseren gegenwärtigen Gedanken – aus reinem Selbstschutz. Und das ist auch gut so. Ich will das Reisen jetzt nicht mit einer in die Brüche gegangenen Beziehung vergleichen, niemals, dies sollte nur den Aspekt der Psyche im Umgang mit schlechten Sachen versinnbildlichen.

Ich bin kein Mensch, der sich oft beschwert. Im Gegenteil. Ich versuche aus allen Situationen das Beste zu machen, versuche immer das Positive zu finden und wenn nichts mehr hilft, hilft Humor. Ich treffe ab und an auf Menschen, die sich das Meckern zum Lebenszweck gemacht haben – ich kann sie nicht ertragen. Auf der anderen Seite muss man einfach dazu sagen, dass wir, die in Deutschland bzw. Europa aufwachsen durften, einen sehr hohen Standard kennen, wir sind, wie gesagt, damit aufgewachsen, kennen es nicht anders, wir sind dran gewöhnt. Es ist nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen, das Leben ist kein Ponyhof, es kommt halt nur darauf an, wie man damit umgeht. Auch am Reisen gibt es Schattenseiten, die kleinen Dinge, die mich manchmal wütend oder ängstlich machen, die mich Gewohntes vermissen lassen, die mich nerven, meine Geduld auf eine harte Probe stellen. Manche Punkte sind ganz und gar länder- oder auch launenabhängig, manche sind stets einfach nur ätzend oder einfach mal Fakt und andere wiederum kann man mit einem Augenzwinkern lesen.

Und sein wir mal ehrlich: Jeder denkt sich irgendwann mal auf Reisen: „Wat ne scheiße!“

  • Kein Trinkwasser aus der Leitung
  • Mücken (Stiche, Dengue, Malaria, etc.)
  • Hygiene der Toiletten: Kacken wird da schon mal zum Oberschenkeltraining
  • Man muss um alles, wirklich alles feilschen, elend lange Diskussionen für 2 Äpfel
  • Deutsche direkte Kommunikation kommt selten gut an
  • In Taxis muss man immer kontrollieren, wo der Fahrer hinfährt
  • Zahnseide ist schwer zu finden
  • Das Gefühl in den Augen mancher Menschen nur ein Dollarzeichen zu sein
  • Kein gutes Brot/ Käse
  • Der Rucksack wird immer dreckiger
  • Das Gefühl fehl am Platz zu sein
  • Sich für andere Fremde fremdschämen
  • Die lange Suche nach Cremes und Lotionen ohne Whitening Effect
  • Keine verregneten, kalten Sonntage im eigenen Bett
  • Selbst kochen ist ein seltenes Highlight
  • Frisch gewaschene, herrlich duftende Wäsche riecht nach 3 Tagen nach Rucksack
  • Immer wiederkehrende, gleiche Gespräche
  • Nichts sauberes mehr zum Anziehen zu haben
  • Rechtfertigen, warum man als Frau alleine unterwegs ist
  • Angestarrt, beobachtet werden
  • Die Freunde zu Hause nicht umarmen können
  • Man darf kein Essen im Zimmer/ Gepäck haben, sonst  kommen die Ameisen (Trilliarden!)
  • Der Moment, in dem ich realisiere, dass der Taxifahrer doch nicht weiß, wo ich hin will
  • Die Frage: „Massage?“
  • Ehemänner erfinden müssen
  • Viel mehr als die Einheimischen für dieselbe Leistung/dasselbe Produkt zahlen zu müssen
  • Wäsche mit der Hand im viel zu kleinen Waschbecken waschen
  • Der Moment, in dem das Internet nicht funktioniert und zu Hause jemand auf ein Lebenszeichen von mir wartet
  • Der Satz: „Du bist aber mutig.“
  • Den vergessenen nassen Bikini von vor 3 Tagen im Rucksack finden
  • Etwas Wichtiges in der letzten Unterkunft vergessen zu haben
  • Die Wasserpreise in Flughäfen
  • Immer wieder zu checken, ob Pass und Kreditkarte noch da sind
  • Der Moment, in dem ich sehe, dass mich die Friseurin doch nicht verstanden hat
  • Wichtige Gespräche übers Telefon zu führen
  • Zahnreinigung ist nicht überall zu haben
  • Zeitverschiebung
  • Die Frage: „Tuk Tuk?“
  • Die Antwort: „No, thank you.“
  • Die lange Suche nach Tampons
  • Der Moment, in dem mir die Schweißperlen in die Augen laufen
  • Mit Abstand das Schlimmste: Abschiede

Noch was anderes?

 

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2 Gedanken zu “Was ich am Reisen scheiße finde?

  1. Candy, ein geiler Beitrag!
    Habe mir nie so die Gedanken darüber gemacht, konnte aber bei vielen deiner Punkte schmunzelnd zustimmen. Manchmal zofft man sich auch während der Reise und danach ist man dem Menschen noch viel verbundener als zuvor.
    Werde mir auch mal Gedanken darüber machen, was mich so nervt. 🙂
    Liebe Grüsse, Igor

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