Bin ich verloren?

Not all those who wander are lost

Heute ist der 19. Juni 2016, es ist 13.45h in Malaysia. Ich sitze im Flugzeug. Das Flugzeug steht auf dem Flughafen in Kuala Lumpur und rollt gleich los. Es wird mich nach Ho Chi Minh City bringen, wo ich vor ungefähr drei Monaten ein paar tolle Tage verbrachte, bevor ich weiter in den Norden von Vietnam zog, was genauso schön war.

Nach ein paar Stunden Aufenthalt in HCMC geht’s in einem anderen Flieger in einem halben Tag nach Frankfurt. Zurück nach Europa, zurück nach Deutschland. In Frankfurt steige ich dann in einen Bus, der in 10 Stunden in meine bis dato Wahlheimat Hamburg fährt. Und dann bin ich wieder da – in Hamburg. Der Stadt, in der ich seit 5 Jahren lebe, arbeite und versuche zu finden, was ich suche.

„Not all those who wander are lost.”

Diesen Satz lese ich immer wieder; auf Facebook, Pinterest, Blogs, auf vielen Fotos, etc. Zum einen ist zu klären, wie man den Satz übersetzt, denn hier gibt es mehrere Interpretationsmöglichkeiten, wenn man ihn aus seinem eigentlichen Sachverhalt sieht. Ich nehme einfach mal diese:

„ Nicht jeder, der wandert, ist verloren.“

Dieser Satz mag wohl für viele stimmen.

Auf mich trifft er nicht zu. Ich bin lost. Verloren im Meer der Möglichkeiten, der Optionen. Ich schäme mich dafür. Ich schäme mich dafür, dass ich das Privileg habe in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein, das Bildungssystem mit all seinen Vorzügen habe nutzen dürfen, dass ich mir die Welt so bauen könnte, wie sie mir gefällt, aber es einfach nicht hinbekomme herauszufinden, was ich denn nun will. Dafür schäme ich mich, jetzt auf meinem Heimflug nach fast sieben Monaten unterwegs sein noch viel mehr.

Ich schäme mich dafür nicht zu wissen, was ich mit meinem Leben machen will. Ich schäme mich dafür nicht den Willen und das Streben nach einer großen Karriere zu haben, immerhin habe ich studiert, BWL sogar. Andere Menschen, v.a. aus den Ländern, in denen ich gereist bin, würden so viel opfern, um ein Leben, wie meines zu führen. Sie würden alles geben, um meine Chancen, meinen Wohlstand zu haben, für den ich ja noch nicht einmal sehr viel getan habe. Viele dieser Menschen wissen gar nicht, worüber wir uns in Europa so den Kopf zerbrechen, was uns nervt oder uns aufregt. Ein Beispiel: Nicht zu wissen welche der 100.000 Möglichkeiten, die man hat, man nun am Schopfe packen soll. Ein Sohn einer Reisbauerfamilie in Vietnam stellt sich diese Frage einfach nicht, braucht er nicht, kann er nicht.

Not all those who wander are lost

Not all those who wander are lost

Auch nach sieben Monaten (waren nicht eigentlich nur sechs geplant?) in der Welt umherirren, weiß ich immer noch nicht, was ich will. Die meisten Reisenden bestreiten auf einem Selbstfindungstrip zu sein – ich nicht, ich bin es, voll und ganz! Ich habe mir von meiner Reise erhofft, dass ich irgendwann irgendwo aufwache und genau weiß, was ich mit meinem Leben anstellen will, wo ich hingehöre und was ich machen will. Was soll ich sagen? Nix da! Pustekuchen! Mit jeder weiteren Woche auf Tour, bieten sich mir nur noch mehr Möglichkeiten, wachsen noch mehr Bäume im Wald der Optionen. Ich habe meine eigene Lösung für mein Problem gefunden:

Akzeptanz!

Es bring mir nichts zu suchen, was ich vielleicht gar nicht finden will. Es bringt mir nichts darauf zu warten, dass es vielleicht irgendwann in meinem Kopf Klick macht und ich weiß, was mich für die kommenden 50 Jahre glücklich stimmt. Das alles wird nie geschehen –NIE!

Ich akzeptiere, heute auf meinem Rückflug, dass ich lost bin.

Ich akzeptiere, dass ich nie wissen werde, was mich die kommenden 50 Jahre glücklich macht.

Ich akzeptiere aber auch zu wissen, was mich jetzt gerade im Moment und VIELLEICHT die nächsten 3 Monate glücklich macht – und danach lebe ich jetzt.

Ich versuche so schnell wie möglich die Dinge zu akzeptieren, die ich eh nicht ändern kann. Ich will keine Zeit mehr mit Warten und Hoffen verschwenden.

50-, 20- oder auch 5-Jahres-Pläne passen nicht zu mir, noch nicht einmal ein 2-Jahres-Plan. Eventuell später, wenn ich mal groß bin (hahahahahahaha), aber nicht jetzt. Ich habe mich entschieden, nur noch das zu machen, worauf ich Lust habe. Natürlich alles in Maßen und mit einer gewissen Verantwortung, aber im Großen und Ganzen ist es das.

Bin ich also immer noch lost? Auch noch nach meinem Selbstfindungstrip?

Jupp!

Total!

So was von!

Und nu?

Und nu akzeptiere ich es einfach, anstatt es ändern zu wollen.

Ich akzeptiere, dass ich lost bin.

Erst mit 30 habe ich begriffen, dass es in Ordnung geht, lost zu sein. Lieber glücklich lost, als unglücklich settled?!

Stop!

Stop!

Ich habe so viel erleben und sehen dürfen, habe viele Menschen auf meinem Weg getroffen, von denen ich mir manchmal viel Gutes abgucken konnte, manchmal aber auch schnell gemerkt habe, dass dieser oder jener nicht mein Freund wird. Ich wusste es schon immer, aber es hat sich in den letzten Monaten immer mehr herauskristallisiert und immer öfter bestätigt: ich bin sehr, sehr wählerisch, was die Menschen angeht, mit denen ich meine Zeit verbringen möchte.

Nicht, dass ich nicht jedem eine  oder mehrere Chancen geben würde, aber sobald ich das Gefühl habe, eine Person „passt“ nicht zu mir, ist die Sache für mich durch. Warum auch immer lege ich mehr Wert darauf, dass jemand zu mir passt, dass ich mich wohl mit ihm fühle, als darauf immer mit anderen in Kontakt oder zusammen zu sein. Ich mache das nicht mit Absicht, mein Verhalten kommt einfach so. Ich treffe auf Menschen und bei mindestens 85% davon fehlt mir das Interesse mit ihnen zu reden. Versteht mich nicht falsch, ich mache das auch nicht vom äußeren Erscheinungsbild oder ähnlichem abhängig. Irgendein kleiner Mann in mir hält, wie ein Mitglied einer Jury, die Punkte für die einzelnen Kandidaten in die Höhe und mein Hirn und mein Ich richten sich danach – einfach so, ohne Fragen zu stellen, ohne Widerrede.

Die „wenigen“ Menschen, die ich dann als Ergebnis an mich heran lasse und die mein wahres Ich – nicht das starke, ego-getriebene, ist-mir-egal-Ich – sondern das liebe, nette, emotionale Ich kennenlernen, sind meistens überrascht. Nicht meistens, immer.

Warum bin ich so?

Ich habe keine Ahnung!

Aber ich habe auf meiner Reise gelernt genau das zu akzeptieren.

Und da ist sie wieder: die Akzeptanz!

Ich habe mich mein Leben lang gefragt, warum ich zwar immer in Gruppen bin (ich fühle mich allgemein unwohl in größeren Gruppen) , mich aber nie richtig aufgenommen, angekommen fühle. Ich habe mich mein Leben lang gefragt, warum ich den stets gut gelaunten, lauten Typ, den alle zu lieben scheinen, nicht mag. Ich werde auf das Warum nie eine Antwort finden. Aber ich will keine Zeit mehr damit verschwenden, darüber nachzudenken.

Ich akzeptiere und lebe.

Ich habe in der Vergangenheit versucht das zu ändern, mich zu ändern, um mich in Gruppen wohl zu fühlen, mich einzufinden. Ich habe mich gezwungen mich mit Menschen zu umgeben, die nicht zu 100% meinem „Schema“ entsprechen. Ich habe es hinbekommen. Ich kann, wenn ich will. Aber es hat mir keinen Spaß gemacht. Ich bevorzuge es dann doch lieber allein zu sein, als Menschen um mich zu haben, die ich eigentlich nicht um mich haben möchte. Ich habe lieber einmal im Monat ein für mich tolles Gespräch mit einem wunderbaren Menschen, als jeden Tag Small-Talk. Ich dachte immer, ich stehe mit dieser Eigenschaft alleine da, aber auf Reisen trifft man ja bekanntlich allerhand Leute, auch die, die einem sehr ähneln. Heute, auf meinem Rückflug weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin und das hilft mir ungemein es zu akzeptieren.

Nehmt den anderen Weg

Nehmt den anderen Weg

Was heißt das jetzt?

Das heißt, ich bin weiterhin lost, verloren, doch nun bewusst. Ich versuche meine schräge Art zu akzeptieren, denn ich bin lieb und positiv, nur eben schräg, kein schlechter Mensch. Und heute weiß ich, dass es da draußen noch mehr davon gibt. Ich werde leben, was es zu leben gibt und mich mit Menschen umgeben, die es wert sind. Ich werde eigentlich nicht so ungemein viel in meinem Leben nach der Reise ändern, ein paar Dinge, Kleine und auch Große. V.a. aber werde ich bewusster leben, was ich hier nicht mit Sport und gesunder, vegetarischer Ernährung gleichsetzen will, sondern mit mehr Bewusstheit für mich selbst und mein Ich, weg von den gesellschaftlichen Normen und Pflichten. Und den Anfang habe ich schon gemacht. Ich habe meinen Job nun endgültig gekündigt, auch wenn ich diesen doch sehr mochte. Aber es musste sein, für mich. Wie es nun weitergeht, steht in den Sternen. Aber schon in dem Artikel vor fast einem Jahr habe ich geahnt, was ich jetzt weiß: wir werden sehen, irgendetwas wird kommen!

Maria Anna von mariameetsanna.com hat gefragt, was ich auf Reisen für´s Leben gelernt habe. Die Antwort: Akzeptanz

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6 Gedanken zu “Bin ich verloren?

  1. Danke für diesen Artikel. Ich glaube man baut sich selbst einen Druck auf, dass man ab irgendeinem Alter wissen sollte was man möchte. Mir persönlich machen auch die Optionen zu schaffen, es gibt einfach so viel zu entdecken bzw sein können, wenn man ein starke, kluge Persönlichkeit ist. Ich habe mir früher einen unglaublichen Druck gemacht, dachte ich sei nicht normal, wenn “alle“ schon im ersten Semester Studium wussten welchen Beruf sie ausüben möchten. Ich dachte mir immer wie können die genau wissen was sie glücklich macht ohne es ausprobiert zu haben. Ich habe mir halt alle Optionen offen gehalten und dann angefangen auszuprobieren, so nach Ausschlussverfahren. Ich bin der Meinung man muss Dinge probieren, damit man weiss ob sie zu einem passen oder nicht. Allerdings zu viele Optionen ist so eine Sache. Ich hatte ebenso, sehr oft den Gedanken gerade beim Reisen ich darf mich nicht beschweren, weil ich durch meine Optionen gesegnet bin. Ich sollte glücklich sein, aber dadurch, dass ich alles ausprobieren wollte und man sich dadurch entscheiden muss haben mich die vielen Optionen gestresst. Allerdings wird man älter und vor allem lernt man sich bessser kennen und so geht es mir ähnlich wie dir ich bin schon viel schneller und rigorosen beim Entscheiden was tut mir gut und was nicht geworden und ich habe akzeptiert, dass ich nun mal so ticke wie ich ticke, egal was Andere meinen oder uber mich denken, das ist schon gut so wie ist. ❤

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    • Hi Doris,

      es ist sooooo schön zu lesen, dass es anderen manchmal nicht anders geht. Lieben Dank für deinen Kommentar, der mir das tolle Gefühl gibt, nicht allzu abgedreht zu sein 😉

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  2. liebe candy:) danke für die ehrlichkeit in diesem beitrag, ehrlichkeit zu dir selbst und ehrlichkeit zu uns. ich glaube, wenn man es schafft ehrlich zu sich zu sein und dies akzeptiert, kann man das nach außen tragen. genau so wie du es gemacht hast. das ist so schön. danke dafür. und dein schreibstil gefällt mir sehr gut. du bist ganz eine wunderbare persönlichkeit und es scheint als wären wir uns in gewisser hinsicht sehr ähnlich. auch ich weiß nicht was ich will, was ich machen möchte. in mir ist nur das gefühl, es muss da noch was geben, etwas besseres, etwas freudvolleres, etwas mit ganz viel licht. es kann nicht sein, dass man 40 stunden die woche arbeiten muss, nur um zu leben. nein, das geht einfach nicht in meinen kopf.
    zum thema allein sein – habe ich auch auf meinen blog was geschrieben (vielleicht magst du ja mal vorbeischauen – artikel ist von gestern).
    alles liebe lisa

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    • Hi Lisa,

      ich wollte gestern schon auf deinen Blog. Wenn ich aber auf deinen Gravatar und dann zu loloiswelt.wordpress.com gehe, steht da, dass der Blog gelöscht wurde. Hast du vielleicht deine Domain geändert?

      Liebe Grüße
      Candy

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